Geschichte

Von ]ürgen Oppitz

Alt- und Junggesellschaft Bülten – Unter diesem Namen hat sich die Junggesellschaft in Bülten 1971 reaktiviert, weil dem Verein, unter Nachwuchsmangel leidend, die Auflösung drohte. „Altgesellen“ waren in den siebziger Jahren die ehemaligen Mitglieder der Junggesellschaft, die inzwischen Verheiratet waren und auch nicht mehr unbedingt in Bülten wohnen mussten. Heute kann ein Verheirateter dem Verein beitreten, ohne ihm vorher als Junggeselle angehört zu haben.altesfoto_chronik500px

Die Alt- und Junggesellschaft (AJB) beruft sich auf eine leider nicht eindeutig nachgewiesene 300 jährige Geschichte ihres Vorgängervereins, der Junggesellschaft Klein Bülten. Sie stützt sich dabei auf zwei Indizien, zum einen auf einen Fahnennagel an der Traditionsfahne, zum anderen auf die Tatsache, dass im Jahre 1952 das 250 jährige Jubiläum gefeiert wurde.
In der Peiner Allgemeinen Zeitung vom l4. Juni 1952 heißt es dazu:
Als eine der ältesten Junggesellschaften des Peiner Landes kann die Klein Bültener in diesem Jahr auf ihr 250jähriges Bestehen zurückblicken. Da die Schützenfeste erst im vorigen Jahrhundert entstanden sind, haben sich die Klein Bültener Junggesellen Ursprünglich zusammengeschlossen, um die Fastnacht nach herkömmlichem Brauch zu begehen. Die aus dem Jahre 1702 stammenden Statuten berichten erstmalig davon.

Es sei noch darauf hingewiesen, dass in unserer Region die Entstehung der meisten Junggesellschaften als Vereine auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückgeht.

Klein Ilsede 1837 – Als Nachweis wird eine Rechnung aus demselben Jahr genannt.
Groß Solschen 1852- Hier ist eine Abrechnung der Fastnachtfeier vom Februar 1852 vorhanden.
Adenstedt 1872- Das Gründungsjahr wird mit Jahreszahl auf der Fahne gleichgesetzt.

Das Gründungsdatum einer Junggesellschaft ist aber mit Sicherheit nicht ihre Geburtsstunde. Denn das Vereinsleben begründet sich auf lange Traditionen und Bräuche. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass es schon lange vorher ein Junggesellen-Leben in den einzelnen Dörfern gab.

An dieser Stelle wäre also zunächst einmal die Frage zu klären: „Was ist ein Junggeselle?“

Als „Junggeselle“ wird seit dem 1 6. Jahrhundert allgemein ein unverheirateter, junger Mann bezeichnet. Der Begriff Junggeselle ist eine Kurzform für „junger Handwerksgeselle“. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein war Junggeselle ein gebräuchlicher Standesbegriff. Es wurde zwischen verheirateten Männern, unverheirateten Junggesellen und noch nicht erwachsenen Burschen unterschieden. Der Junggeselle hatte gegenüber dem jüngeren Burschen gewisse Vorrechte. So durfte er an den Abenden in den Spinnstuben teilnehmen. In diesen Spinnstuben kamen früher die Mädchen zum Spinnen, Stricken oder zu anderen Handarbeiten zusammen. Man traf sich in so genannten „Trops“ (Gruppen, Truppen) und arbeitete gemeinsam beim Gesang oder beim Erzählen von Geschichten. Die Junggesellen durften hier auch zugegen sein, und es ergab sich wohl auch ein teilweise sehr freizügiger Verkehr zwischen den Geschlechtern, so dass die Behörden einschreiten mussten. In dem Erlass des Braunschweigischen Herzogs Karl I. vom 2. November 1767 begründet dieser das Verbot solcher Zusammenkünfte damit, dass „von den dahin zusammenlebenden Knechten und Mägden viele Ungezogenheiten begangen, unziemliche Lieder gesungen und schandbare Handlungen vollzogen wurden“.

Wollte ein junger Bursche die Vorzüge und Rechte eines Junggesellen genießen, so musste er in den Stand des „Junggesellen“ eintreten und sich einer Aufnahmeprozedur unterziehen.
Die Aufnahme wurde zur Fastnachtszeit durchgeführt. Fastnacht, in Klein Bülten auf Plattdeutsch „Faslam“ genannt, war die Zeit, in der viele Rechnungen bezahlt und neue Verträge und Abkommen geschlossen wurden.

Ein „dummer Junge“, so die Bezeichnung eines Burschen, der in den Stand des Junggesellen aufgenommen werden wollte, hatte folgende Bedingungen zu erfüllen:

Er musste 17 Jahre alt sein.

Er musste zwei Zentner Korn tragen können.

Konnte er keine zwei Zentner Korn tragen, so musste er warten, bis er 20 Jahre alt war. Waren die Voraussetzungen erfüllt, so wurde zur Aufnahmeprozedur, zum „Einseifen“, geschritten. Zu diesem Zweck versammelten sich die Junggesellen und Aufzunehmenden im Wirtshaus. Während die Junggesellen im Versammlungsraum das Einseifen vorbereiteten, mussten die „dummen Jungs“ vor der verschlossenen Tür warten.

Das Einseifen ist eine Prozedur, die früher die Männlichkeit der Burschen beweisen sollte. Die „dummen Jungs“ wurden vom Putzer mit Schrot eingeseift und symbolisch mit einem hölzernen Messer erstmalig rasiert. Darüber hinaus durften sie Zigarren rauchen und schon einmal ein Glas Bier probieren. Die beschriebene Prozedur des „Einseifens“ ist so überliefert worden und wird auch heute noch in Bülten so vollzogen. Über den Ablauf des Einseifens wird seit jeher, vor allem von unbeteiligten, viel spekuliert und Falsches berichtet.

Die Wurzeln der heutigen Junggesellschaft gehen auf Bräuche und Traditionen zurück, wie sie seit mehreren Jahrhunderten in unserer Region gepflegt werden. Träger der Fastnachts- und Spinnstubenbräuche waren stets Knechte und Mägde; Bauernsöhne und Bauerntöchter nahmen hieran in aller Regel nicht teil.

Ein besonderes Phänomen ist sicherlich auch, dass es Junggesellschaften als Vereine, wie wir sie heute kennen, nur in unserer Region gibt. Ein Grund für diese regionale Begrenzung mag sicherlich die Tatsache sein, dass das Gebiet der Hildesheimer Börde aufgrund des fruchtbaren Bodens von jeher eine ausgeprägte landwirtschaftliche Struktur aufwies. Dies hatte natürlich auch Auswirkungen auf die mittelalterlich-bäuerlichen Gesellschaftsformen in unserer Region. Belege aus der Vergangenheit über die Vereinstätigkeit der Junggesellschaft Klein Bülten sind rar. Einige wenige anzeigen in der Peiner Zeitung (später Peiner Allgemeine Zeitung) weisen darauf hin:

15.juli 1877 – Das Freischießen zu Kl. Bülten findet am 22. und 23.juli statt, zu dessen Besuche freundliehst einladen. – Die Schaffer.

26. Mai 1881 – Am Sonntag und Montag, den 29. und 30. Mai findet das Schützenfest zu Kl. Bülten statt, wozu Freunde solches Vergnügens einladen. – Die Junggesellschaft

7. Juli 1888 –  Das Schützenfest zu Kl. Bülten findet am 8. und 9. Juli d.J. statt. Es laden dazu ein
die Schaffer.

28. Mai 1908 – Kl. Bülten. Unser diesjähriges Schützenfest findet am 31. Mai und 1. Juni statt und laden dazu ein. – Die Junggesellschaft, Gastwirt Hantelmann

14. Juni 1952 (auszugsweise)

1863 wurde von der Junggesellschaft in Klein Bülten zum ersten Mal das Schützenfest gefeiert und von diesem Zeitpunkt an rückten die Junggesellen, lediglich unterbrochen durch Kriegsgeschehen, zu ihrem Schützenfest aus. 1908 wurde ein Fahnentuch angeschafft, das noch jetzt die Junggesellen am Schützenfesttage, wenn sie mit ihren weißen Hosen umherziehen, voranweht.

Wie unschwer zu erkennen ist, lassen sich Junggesellschaft und Schützenfest nicht voneinander trennen. Bis 1950 war die Junggesellschaft Träger des Schützenfestes. Damit das Risiko eines solchen Festes auf einer breiteren Grundlage ruht und eventuelle Fehlschläge, die durch geringe Beteiligung infolge Regenwetters eintreten können, aufgefangen werden, wurde 1951 die Volksfestgemeinschaft gegründet. Die Volksfestgemeinschaft ist seitdem Ausrichter des heutigen „Volksfestes“.

Aus den Jahren vor 1971 ist von der Junggesellschaft leider sehr wenig bekannt. Man traf sich wohl vorwiegend zur Fastnachtszeit zum Eiersammeln und zum Einseifen. Darüber hinaus wurden noch gemeinsam die Volks- bzw. Schützenfeste der umliegenden Dörfer besucht. In dem bereits erwähnten Artikel in der PAZ vom 14. Juni 1952 heißt es zum 250jährigen Bestehen weiter:

Zu ihrem 250jährigen Bestehen wollen natürlich die Junggesellen das Volksfest besonders schön feiern. Die benachbarten Junggesellschaften sind eingeladen worden und werden unter anderem am Festumzug teilnehmen. Nach altem Brauch bringen die Schaffer am Sonntagmorgen den Königen vom Vorjahr die Königskränze und bekommen einen Imbiss gereicht. Um 14.00 Uhr bewegt sich der Festzug durch die Dorfstraßen, und auf dem Hofe der Gastwirtschaft Hantelmann wird der Oberst, Heinrich Wittenberg, die Festansprache halten. Die alten [verheirateten] Herren haben bereits am vergangenen Sonntag mit dem Ausschießen der Bürgerscheibe begonnen, und am Sonntagnachmittag wird es bis zur Ermittlung des besten Schützen fortgesetzt. Die Junggesellen kämpfen am Montagmorgen vor dem Frühstück um die Königswürde. Beim Frühstück in den Zelten werden dann beide Könige proklamiert. Wie in allen Dörfern steht auch in Klein Bülten der Montag im Zeichen der Kinder, die vom Festumzug abgeholt und zu den drei Tanzzelten zum Kindertanz gebracht werden. In den Abendstunden erhalten die Könige ihre Scheiben an den Hausgiebel genagelt, und bis in die Morgenstunden des Dienstag wird die Musik auf den Zelten zum Tanz aufspielen.

1971 wurde die Alt- und Junggesellschaft gegründet. Seit 1971 ist es also, wie bereits erwähnt, auch verheirateten Bültener Bürgern möglich, in die Alt- und Junggesellschaft einzutreten. Die neuen Vereinsrichtlinien wurden in einer entsprechenden Vereinssatzung niedergeschrieben. So wurde auch der Jahresbeitrag festgesetzt, der 1971 für die Altgesellen 6,00 DM betrug. Für die Junggesellen wurde der Jahresbeitrag durch das sogenannte „Mädchenversteigern“ ermittelt. Wer nicht mitgeboten hatte, musste den Durchschnittsbetrag der Versteigerungen bezahlen. Diese Regelung gilt auch heute noch.

Die einheitliche Kleidung ist die gleiche, wie sie zuvor die Junggesellen schon hatten. Sie besteht aus weißer Hose, weißem Hemd, weißen Socken, schwarzem Sakko, schwarzer Fliege, schwarzen Schuhen und dem „Unschuldsbändchen“, das den linken Ärmel ziert.

Bis 1983 war die Gaststätte Hantelmann und seit 1984 bis heute ist die Gaststätte „Glück Auf“ Vereinslokal. Höhepunkt in jedem Jahr ist neben dem Volksfest auch heute noch das „Einseifen“ zur Fastnachtszeit, die Aufnahme der jungen Burschen („dumme Jungs“) in die Alt- und Junggesellschaft Die Aufnahmeprozedur ist im Wesentlichen die gleiche wie in den Gründerjahren der Junggesellschaft geblieben, nur das Eintrittsalter ist auf 16 Jahre gesenkt worden. Seit der Gründung der Alt- und Junggesellschaft hat sich der Verein nach einigen Tiefpunkten wieder zu einem festen Bestandteil im Bültener Dorfleben entwickelt. Der AJB gehören mittlerweile wieder 40 Mitglieder an, Tendenz steigend. Die AJB hat ein reges Vereinsleben mit vielen Aktivitäten, von denen hier noch einige genannt seien:

Zur Fastnachtszeit findet neben dem Einseifen das Eiersammeln und die Fastnachtsmaskerade statt. In den Monaten danach finden solche Veranstaltungen wie Orientierungsrallye, Preisknobeln, Preisskat, Mau-Mau-Turnier, Herbstrallye mit dem Fahrrad und Vereinsausflüge statt. Darüber hinaus beteiligt sich die AJB regelmäßig an der Waldsäuberung und der Dorfolympiade. Ein Höhepunkt des Vereinslebens der A]G ist auch heute noch das Volksfest. Die AJB ist neben der Volksfestgemeinschaft Mitveranstalter des Volksfestes. Organisation und Durchführung erfolgen in enger Zusammenarbeit beider Vereine. Zum Volksfest wird von der AJB ein König ausgeschossen, der nach Möglichkeit auch immer ein Junggeselle sein sollte.

2002 wurde das 300jährige Bestehen der Junggesellschaft Klein Bülten gefeiert. Aus diesem Anlass wurde am Vorabend des Volksfestes, welches vom l. bis 3. Juni stattfand, eine Festveranstaltung durchgeführt, in deren Verlauf eine neue Fahne geweiht wurde. Die benachbarten und befreundeten Junggesellschaften waren eingeladen und nahmen auch am Festumzug am Sonntag teil.

Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass dieser Verein noch lange besteht und viele junge Bültener, die sogenannten „dummen Jungs“, dem Verein beitreten.

Text aus...
Die Geschichte des Dorfes Bülten – Heimat- und Bergbauverein Klein Bülten von 1997 e.V.
Sei nicht egoistisch...Share on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+share on Tumblr